Sie hörte ihm nicht richtig zu, ihr Widerwille wuchs mit jedem seiner Worte, seine Sätze blähten sich wie in der Sonne verderbender Pansen.
„Du wirst schon sehen, dass ich Recht habe….“, drang es aus dem Hörer.
Als sie jünger war, hatten seine blasierten und selbstgefälligen Belehrungen sie belustigt. Er war das hechelnde Klischee eines Spießers, ein galliges Konzentrat kleinbürgerlicher Ängste, das sich, wie ein giftiger Springteufel, in ihrem Leben häuslich eingerichtet hatte.
„Ich bin meinem Vater heute überaus dankbar, dass er mir….“
Wie unpassend von ihm, nun seinen Vater zu bemühen, dachte sie, hatte er doch bei Zeiten den Geruch seines proletarischen Elternhauses abgelegt. Er hatte geradezu versessen daran gearbeitet, sich soweit wie möglich von seinem Unterschichtsmilieu zu entfernen.
Sie sah hinter seiner artifiziellen zusammengestümperten Fassade, nur einen jämmerlichen hypochondrischen Egoisten, der mit 40 Jahren nicht in der Lage war sich selbstständig vernünftig anzuziehen. Kelsterbacher Charme nannte sie seinen fehlenden Kleidungsstil.
„Mit Deiner Einstellung wirst Du nicht weit kommen, an Verlierer verschwendet man keine Energie…“
Sie knallte den Hörer wütend auf. Das Telefon klingelte nach wenigen Sekunden erneut, er war scheinbar noch nicht zum Höhepunkt gekommen. Sie brüllte in den Hörer „Du bist ein kleiner jämmerlicher Wichser“ und riss die Telefonschnur aus der Wand.
Sie warf sich auf ihr Bett und zählte die Atemzüge bis der Ekel abklang und eine kleine scharlachfarbene Genugtuung an der Oberfläche ihrer Seele erschien. In diesem Moment vor dreiundzwanzig Jahren war ihr schlagartig klar geworden, dass sie ohne ihn besser klar kommen würde.
DJ Ötzi schreckte sie erneut aus Ihren Gedanken auf, unerbittlich und bizarr tanzte der Klingelton zwischen ihren Gedanken und den leblosen Körper ihres Vaters auf und ab.
Nun lag er hier auf dem Nussbaumparkett in einer blasigen Pfütze langsam trocknenden Blutes und seinem toten Körper entfuhren, wie zu Lebzeiten feuchte Pfürze. „Unangenehme Angewohnheiten können einen scheinbar überdauern“, dachte sie angewidert, und wählte die Nummer der Polizei.
von Raissa Lechnevkova, Krasnojarsk 21.06.10, übersetzt von R.C. Kandorowitsch
Was hatte sich zwische Ihr und ihrem Vater zugetragen? Wird die Polizei sie verdächtigen? Und wer rief immer auf dem Handy Ihres toten Vaters an?