Nebelbänke III

Wo sind die Schuhe? Warum hatte man ihm die Finger abgeschnitten? Wo ist Silvia? Die Leiche des Vaters gibt uns Rätsel auf...
Das Rauschen in ihren Ohren nahm stetig zu, sie schloss die Augen und versuchte das Chaos auszublenden, dass sich ihrer zügig bemächtigte. Nichts war ihr verhasster als Unruhe und eine Störung ihrer Ordnung. Fahrig strich sie sich Haare aus der Stirn. Sie trug ihr Haar immer hochgesteckt. Es wirkte ordentlich, unterstrich die Strenge ihrer dunklen Augen und wirkte dennoch weiblich. Dass sich ihre Frisur auflöste und sie gefangen war, hier zwischen den vulgären, lauten und ungewaschenen Menschen, war das größte Übel.
„Ich kann Ihre Fragen nicht beantworten, warum begreifen Sie nicht dass ich diesen Mann seit 23 Jahren nicht gesehen habe. Wann ist dies Kasperletheater endlich zu Ende, wann verschwinden Sie endlich mit all diesen Menschen aus meiner Wohnung?“
Komissar Laskov schüttelte traurig den Kopf und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger seine tränenden Augen. Er schützte Heuschnupfen vor, dabei war nicht der Pollenflug, sondern eine Flasche Smirnoff für seinen desolaten Zustand verantwortlich. Er schwitzte und seine Hände kribbelten schmerzhaft. Er versuchte sich zu konzentrieren, aber vor seinen Augen tanzten viele kleine bunte Schatten und ein dumpfes Brummen zerrte an seinen Haarwurzeln. Was hatte er zuletzt gefragt, was hatte sie gerade zu ihm gesagt, alles verschwamm vor seinen Augen. Der eigenartige Geruch, den er nicht einordnen konnte, und der eindeutig mit der Leiche zusammenhing, fügte seiner Benommenheit Übelkeit hinzu. Er erhob sich mühsam. Seine Beine gaben nach und ganz am Rande wurde ihm bewusst, dass er transpirierte, wie ein kleiner elender x-beliebiger Alkoholiker.
„Das Bad?“ fragte er einsilbig und verschwand in die Richtung, die sie mit einem kure Nicken angedeutet hatte.
Sie konnte das alles noch immer nicht begreifen. Nach dem sie die Polizei verständigt hatte, hatte sie sich erleichtert gefühlt. Eine Empfindung die ganz eindeutig dafür stand, dass sie das Richtige getan hatte. Aber nun trat das Grauen durch die offene Verandatür ihrer Seele, diffuse und alles infizierend, bis nichts mehr vertraut und sicher schien. Sie kauerte in ihrem dicken roten Sofa und spürte wie Unmut und Verdrossenheit gegen die unbeholfene Lähmung ankämpften. Am liebsten wäre sie in einer Sofaritze verschwunden, bis alles vorbei wäre und die Tür sich hinter dem letzten Eindringling wieder mit einem satten und zuversichtlichen Schnappen schloss.
Zwei Männer hoben den Leichnam ihres Vaters an, der Kopf knickte unnatürlich zur Seite ab und man hörte ein unschönes Knirschen, als der Kopf sacht gegen die untere Wanne des Zinksargs stieß. Die abgetrennten Finger legten sie gewissenhaft auf seinen Brustkorb. Sie zündete sich eine Zigarette an und überlegte einen Augenblick, ob es jemanden gab, den sie informieren müsse.
Dann wurde der Sarg geschlossen und hinaus getragen. Ein Beamter baute sich vor ihr auf und fragte welchen Bestatter sie benachrichtigen wolle und teilte ihr mit, dass der Leichnam wegen der großen Arbeitsrückstände in der Pathologie sicherlich erst in der kommenden Woche freigegeben werden würde. Der Gedanke sich um die Beerdigung ihres Vaters kümmern zu müssen, machte den Gedanken ihren dämlichen Bruder zu informieren mit einem Schlag annehmbar.
Ein Räuspern schreckt sie auf. Vor ihr stand plötzlich, wie aus dem Boden geschossen, diese jämmerliche Figur, die scheinbar die Ermittlungen leitete.


