“As in heaven, as in hell” oder “Morpheus”
Gestern.
Gestern als ich zur Arbeit fuhr, ganz früh, da fuhr ich an den alten Rhein-Armen entlang, ich sah Störche auf einem Bein, den Kopf ins Gefieder gesteckt, kleine Karnickel rauften auf der Weide, schläfrige Pferde warteten auf ein deftiges Frühstück aus Melasse.
Der Wind war feucht und kühl, weil gerade die Feuchtigkeit aus den Wiesen aufstieg, kleine Nebelwölkchen waberten zwischen den langen Haaren der Weiden hindurch, ein paar Gänse reckten die Hälse und ruderten mit den Flügeln zur Entspannung – einfach nur so, ganz ohne Grund und ohne Befindlichkeit.
Behaglichkeit machte sich nicht in mir bemerkbar, ich war ein kleines eingeklemmtes Päckchen, dessen akkurate Verpackung an mehreren Stellen eingerissen war. Abgegriffen und angegammelt wie eine überreife Banane in der Vorderladertasche eines Kinderwagens am Montagmorgen, aber schon seit Freitag darin vergessen. Gedrückt und angebissen wieder zusammengeklappt und abgestanden.
Am Anfang.
Am Anfang war das Tier nur da, wenn ich schlafen ging. Ich schloß die Augen und das Tier saß oben an der Decke und schaute auf mich herab.
Das Tier ist nichts besonderes, es nicht schrecklich und grauenerregend, nur ein Tier an der Decke meines Schlafzimmers. Das mag niemanden interessieren. Aber es ist so.
Zu der Zeit als das Tier auftauchte, begann meine Sprachmüdigkeit, die Worte wisperten hinter der Bindehaut meines Hirns, aber die Lippen lagen schwer und müde auf einander. Viele Worte blieben unausgesprochen.
Das Reden versiegte nicht gleich vollkommen. Es wurde weniger, uneindeutiger und verirrte sich in kognitiven Alliterationen, Sammelsurien aller Möglichkeiten.
Wenn das Telefon in meinem Büro klingelte, zerbrach der stille Spiegel meiner Sprache und die wilde See brandete herauf. Griff ich nach dem Hörer, dann sprangen sie bereits alle auf einmal hilfsbereit und euphorisch auf mich zu, die geschmeidigen Redewendungen und süsslichen Höflichkeiten, die gleichgültigen Floskeln und biederen einstudierten Begütigungsphrasen.
Alle auf einmal stoben sie wild galoppierend und brünftig schnaubend aus meinem Mund, ohne Sinn und Verstand, fielen sie sich gegenseitig ins Wort und verstümmelten sich in ihrem wahnsinnigen Toben zu sinnlosen Silbenbrüchen und Wortkratern.
In diesem ungebärdeten Tosen der Worte, verlor ich irgendwann die Sprache, nicht die Fähigkeit zu sprechen, sondern das alles was Sprache mehr ist als eine Anzahl von Worten.
Das Tier.
Zu dieser Zeit, begegnete ich dem Tier auch an anderen Orten, unvermittelt, kreuzte es vor mir eine Straße, saß neben mir in der U-Bahn oder im Cafe am Nebentisch, ich versuchte es zu ignorieren, das Tier seinerseits schien mich nicht wahrzunehmen.
Das Versagen der Sprache, ihre Satzlosigkeiten, führte allmählich zum Verlust des Sprechens. Erst war es eine Art der Sprachmüdigkeit, zu viele Bilder und Worte meldeten sich gleichzeitig “zu Wort”. Die Worte strömten an mir vorbei und gleichzeitig fand ich kein einziges, dass mir über meine Lippen gefolgt wäre.
So kam zu der Wortüberdrüssigkeit auch eine Wortvergessenheit oder Verzagtheit, die Worte versagten sich mir.
Ich sah die Morpheme weit entfernt hinter einer dicken glasklaren Gletschereisschicht hastig vorbei rauschen. Das Eis ließ kein Plätschern oder Knacken an die Oberfläche dringen, der ungeheuerliche akustische Tremor wurde langsam unter einer wachsenden jahrtausendealten Eisschicht erstickt. Die Worte waren verstummt.
Das Tier sagte, sein Name sei Morpheus und zeigte mit seinen Pranken in den trostlosen Sternenhimmel. Das Schreiben folgte dem Sprechen.
In den Armen des Morpheus.
Von ihrem rechten Mundwinkel war bereist vor Stunden ein Speichelfaden herab geglitten. Dieser Speichelfaden lag auf ihrer rechten Schulter und wurde ständig mit neuem Speichel versorgt, so dass sich mittlerweile ein unangenehmer nasser Fleck auf ihrer Schulter gebildet hatte.
Sie empfand eine bestürzende Beklemmung darüber, dass sie sich nicht bewegen konnte, dass sie nur sitzen musste, auf einem harten Plastikstuhl, dessen Farbe sie nicht kannte, dessen Plastiknähte ihr aber blutige Schründe in die Seele schabten, dass sie nicht den Mund schließen konnte, dass sie nicht die Zunge, nicht die Augäpfel bewegen konnte, dass sie das Zucken der Augenlieder nicht kontrollieren konnte und darüber, dass sie all diese ihr zugefügten Gewalttätigkeiten nicht artikulieren konnte. Allein im Kopf hatte sie keinerlei Worte oder Syntax. An deren Stelle waren unwahrscheinlich heftige Gefühle und Farben getreten.
Sie saß auf ihrem grauen Plastikstuhl, wenn sie Glück hatte, konnte sie aus dem oberen Viertel des Fensters des Speisesaals hinaus blicken. Dieses Viertel unterteilte sich in ein hellgraublaues Rechteck aus Himmel und ein weiteres rotes aus einer unverputzten Backsteinmauer.
Das Tier ist tot.
Ich ziehe mir eine leichte braune Leinenjacke über den Kopf und mache eine heimliche Tür auf. Hinter der Tür liegt eine weite glühend heiße Wüste aus alten Gedanken und Gerüchen. Ich ziehe die Schuhe aus und trete in den festen heißen Sand. Mir wird ganz wunderbar zu Mute, leicht und fiebrig heiß. Spinnen und Skorpione laufen grüßend vorbei.
Vor meiner Nase auf einem Felsvorsprung züngelt eine beeindruckend große Schlange vom vergehen der Erbsünde. In einiger Entfernung stiegen die gefallenen Engel wieder hinauf in den Himmel.
In rosa Leuchtschrift steht in großen Lettern am mondlosen munter glitzernden Himmel: “Erkenntnis und sei es die eines Selbst, sei allem fürder hin gestattet.”
Die Tür hinter mir schließt sich mit einem unvermittelten Windhauch leise und die ganze dahinter liegende Welt ist verschwunden.
Auf immer und ewig.
“Gut”, denke ich und mache meine ersten stummen Wüstenschritte.

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