Unter ungeklärten Umständen kam es in der Nacht zum Sonntag in der Wallstreet zu einem begrenzten Erdbeben, dem drei Bergsteiger zum Opfer fielen, die auf dem Bürgersteig übernachtet hatten.
Bei den Bergsteigern handelte es sich um Finanzmarkt-Aktivisten, die auf Not leidende Bänker aufmerksam machen wollten, indem sie sich – und ich zitiere frühere Aussagen der Opfer – an der “Erstbesteigung der Wallstreet” versucht hatten, der “Westwand des globalen Sorgenberges”.
In Anlehnung an einen Sketch der berüchtigten britischen Monty-Python-Truppe kletterten die drei Aktivisten in Form einer auf dem Boden liegenden und kriechenden Seilschaft über die Bürgersteige der Wallstreet.
Ihr Basislager befand sich am Südende der Straße, nahe beim Hafen, und mit dem Erreichen der Trinity Church hätten sie zugleich den Gipfel erklommen.
Tag für Tag schlugen sie zäh ihre Haken in das Pflaster der Rinnsteine oder zwischen die Platten des Gehweges und bewältigten die klaffenden Querstraßen, indem sie zügig und ungesichert über die Zebrastreifen setzen.
Dieses engagierte Vorhaben fand letzte Nacht ein grausiges Ende, nachdem Teile der Wallstreet infolge einer seismischen Anomalie jäh absackten oder angehoben wurden, so dass sich binnen weniger Augenblicke Abhänge, Spalten und Klippen bildeten.
Jeder Bergsteiger weiß, dass das Wetter in der Wand umschlagen kann, aber die drei Aktivisten hatten offensichtlich und aus naheliegenden Gründen darauf verzichtet, sich beim Biwakieren entsprechend abzusichern.
Einer von ihnen rutschte mit seinem Schlafsack in einen Abwasserschacht, der durch das Beben bloß gelegt worden war, und stürzte in den Tod. Seine Leiche wurde inzwischen von kanalarbeitern entdeckt.
Ein weitere Leiche liegt unter Schutt und Gestein begraben und wird in den kommenden Stunden geborgen werden.
Der dritte und letzte wurde das Opfer einer Horde von verwilderten Bänkern. Die gefundenen Überreste lassen nach Angaben der Ermittler keinen anderen Schluss zu.
Dies ist nicht nur tragisch, sondern geradzu ein Skandal, denn die Behörden hatten bereits vor Wochen versichert, dieses Problem sei endgültig aus der Welt geschafft worden!
Aber allem Anschein nach verlieren immer noch Bänker ihre Jobs und werden somit zu einem Leben auf der Straße und zum Kannibalismus gezwungen. Von Natur aus lichtscheu rotten sie sich in den Kellerverstecken des Viertels zusammen und kommen des nachts hervor, wenn sie einen wehrlosen Verletzten wittern, sei es ein Opfer eines Verkehrsunfalls, sei es ein verunglückter Bergsteiger.
Es ist eine schreckliche Ironie, dass dieser letztgenannte Aktivist ausgerechnet jenen Kreaturen zum Opfer fiel, auf deren erbarmungswürdiges Schicksal er und seine Gefährten hinzuweisen gedachten.
Was das Erdbeben betrifft, so äußern sich die Geologen bislang äußerst spekulativ. Man scheint jedoch einen Zusammenhang zu vermuten zwischen dem Erdbeben und der mysteriösen Goldschmelze – wir berichteten – in der Federal Reserve Bank of New York, die sich nur zwei Blocks entfernt befindet. Bekanntlich verlieren die dort gelagerten Goldreserven vieler Staaten aufgrund von psychokinetischen Angststörungen täglich an Masse. Bei einem Schwund von tausenden von Tonnen Gold könnten sich tektonische Spannungen gelöst haben, was nichst anderes als ein Erdbenen zur Folge hätte.
Es gibt weiterhin Grund, sich Sorgen zu machen …