Aug 9 2010

Nebelbänke III

andre_g
Wo sind die Schuhe? Warum hatte man ihm die Finger abgeschnitten? Wo ist Silvia? Die Leiche des Vaters gibt uns Rätsel auf...

Wo sind die Schuhe? Warum hatte man ihm die Finger abgeschnitten? Wo ist Silvia? Die Leiche des Vaters gibt uns Rätsel auf...

Das Rauschen in ihren Ohren nahm stetig zu, sie schloss die Augen und versuchte das Chaos auszublenden, dass sich ihrer zügig bemächtigte. Nichts war ihr verhasster als Unruhe und eine Störung ihrer Ordnung. Fahrig strich sie sich Haare aus der Stirn. Sie trug ihr Haar immer hochgesteckt. Es wirkte ordentlich, unterstrich die Strenge ihrer dunklen Augen und wirkte dennoch weiblich. Dass sich ihre Frisur auflöste und sie gefangen war, hier zwischen den vulgären, lauten und ungewaschenen Menschen, war das größte Übel.

„Ich kann Ihre Fragen nicht beantworten, warum begreifen Sie nicht dass ich diesen Mann seit 23 Jahren nicht gesehen habe. Wann ist dies Kasperletheater endlich zu Ende, wann verschwinden Sie endlich mit all diesen Menschen aus meiner Wohnung?“

Komissar Laskov schüttelte traurig den Kopf und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger seine tränenden Augen. Er schützte Heuschnupfen vor, dabei war nicht der Pollenflug, sondern eine Flasche Smirnoff für seinen desolaten Zustand verantwortlich. Er schwitzte und seine Hände kribbelten schmerzhaft. Er versuchte sich zu konzentrieren, aber vor seinen Augen tanzten viele kleine bunte Schatten und ein dumpfes Brummen zerrte an seinen Haarwurzeln. Was hatte er zuletzt gefragt, was hatte sie gerade zu ihm gesagt, alles verschwamm vor seinen Augen. Der eigenartige Geruch, den er nicht einordnen konnte, und der eindeutig mit der Leiche zusammenhing, fügte seiner Benommenheit Übelkeit hinzu. Er erhob sich mühsam. Seine Beine gaben nach und ganz am Rande wurde ihm bewusst, dass er transpirierte, wie ein kleiner elender x-beliebiger Alkoholiker.

„Das Bad?“ fragte er einsilbig und verschwand in die Richtung, die sie mit einem kure Nicken angedeutet hatte.

Sie konnte das alles noch immer nicht begreifen. Nach dem sie die Polizei verständigt hatte, hatte sie sich erleichtert gefühlt. Eine Empfindung die ganz eindeutig dafür stand, dass sie das Richtige getan hatte. Aber nun trat das Grauen durch die offene Verandatür ihrer Seele, diffuse und alles infizierend, bis nichts mehr vertraut und sicher schien. Sie kauerte in ihrem dicken roten Sofa und spürte wie Unmut und Verdrossenheit gegen die unbeholfene Lähmung ankämpften. Am liebsten wäre sie in einer Sofaritze verschwunden, bis alles vorbei wäre und die Tür sich hinter dem letzten Eindringling wieder mit einem satten und zuversichtlichen Schnappen schloss.
Zwei Männer hoben den Leichnam ihres Vaters an, der Kopf knickte unnatürlich zur Seite ab und man hörte ein unschönes Knirschen, als der Kopf sacht gegen die untere Wanne des Zinksargs stieß. Die abgetrennten Finger legten sie gewissenhaft auf seinen Brustkorb. Sie zündete sich eine Zigarette an und überlegte einen Augenblick, ob es jemanden gab, den sie informieren müsse.

Dann wurde der Sarg geschlossen und hinaus getragen. Ein Beamter baute sich vor ihr auf und fragte welchen Bestatter sie benachrichtigen wolle und teilte ihr mit, dass der Leichnam wegen der großen Arbeitsrückstände in der Pathologie sicherlich erst in der kommenden Woche freigegeben werden würde. Der Gedanke sich um die Beerdigung ihres Vaters kümmern zu müssen, machte den Gedanken ihren dämlichen Bruder zu informieren mit einem Schlag annehmbar.

Ein Räuspern schreckt sie auf. Vor ihr stand plötzlich, wie aus dem Boden geschossen, diese jämmerliche Figur, die scheinbar die Ermittlungen leitete.

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Jun 23 2010

Nebelbänke II

raissale

Sie hörte ihm nicht richtig zu, ihr Widerwille wuchs mit jedem seiner Worte, seine Sätze blähten sich wie in der Sonne verderbender Pansen.

„Du wirst schon sehen, dass ich Recht habe….“, drang es aus dem Hörer.

Als sie jünger war, hatten seine blasierten und selbstgefälligen Belehrungen sie belustigt. Er war das hechelnde Klischee eines Spießers, ein galliges Konzentrat kleinbürgerlicher Ängste, das sich, wie ein giftiger Springteufel, in ihrem Leben häuslich eingerichtet hatte.

„Ich bin meinem Vater heute überaus dankbar, dass er mir….“

Wie unpassend von ihm, nun seinen Vater zu bemühen, dachte sie, hatte er doch bei Zeiten den Geruch seines proletarischen Elternhauses abgelegt. Er hatte geradezu versessen daran gearbeitet, sich soweit wie möglich von seinem Unterschichtsmilieu zu entfernen.

Sie sah hinter seiner artifiziellen zusammengestümperten Fassade, nur einen jämmerlichen hypochondrischen Egoisten, der mit 40 Jahren nicht in der Lage war sich selbstständig vernünftig anzuziehen. Kelsterbacher Charme nannte sie seinen fehlenden Kleidungsstil.

„Mit Deiner Einstellung wirst Du nicht weit kommen, an Verlierer verschwendet man keine Energie…“

Sie knallte den Hörer wütend auf. Das Telefon klingelte nach wenigen Sekunden erneut, er war scheinbar noch nicht zum Höhepunkt gekommen. Sie brüllte in den Hörer „Du bist ein kleiner jämmerlicher Wichser“ und riss die Telefonschnur aus der Wand.

Sie warf sich auf ihr Bett und zählte die Atemzüge bis der Ekel abklang und eine kleine scharlachfarbene Genugtuung an der Oberfläche ihrer Seele erschien. In diesem Moment vor dreiundzwanzig Jahren war ihr schlagartig klar geworden, dass sie ohne ihn besser klar kommen würde.

DJ Ötzi schreckte sie erneut aus Ihren Gedanken auf, unerbittlich und bizarr tanzte der Klingelton zwischen ihren Gedanken und den leblosen Körper ihres Vaters auf und ab.

Nun lag er hier auf dem Nussbaumparkett in einer blasigen Pfütze langsam trocknenden Blutes und seinem toten Körper entfuhren, wie zu Lebzeiten feuchte Pfürze. „Unangenehme Angewohnheiten können einen scheinbar überdauern“, dachte sie angewidert, und wählte die Nummer der Polizei.

von Raissa Lechnevkova, Krasnojarsk 21.06.10, übersetzt von R.C. Kandorowitsch

Was hatte sich zwische Ihr und ihrem Vater zugetragen? Wird die Polizei sie verdächtigen? Und wer rief immer auf dem Handy Ihres toten Vaters an?

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Mai 1 2010

Nebelbänke I

penelope araña de la selva

Sie öffnete die Verandatür. Die Hitze versetzte ihr unmittelbar eine
trockene Backpfeife und kroch an ihr vorbei in ihr Arbeitszimmer.
Ein leichter Schauer schüttelte sie kurz, spitze Sonnenfinger piekten in
ihre blasse Haut. Um die Gänsehaut zu vertreiben, trat sie hinaus auf die
Terrasse und bedauerte dies im gleichen Augenblick. Samstägliche
Geschäftigkeit in den Nachbarsgärten ließ sie erneut erschauern.

Was war das bloß, dachte sie, für eine Abneigung gegen alles Gesunde und Bodenständige, gegen ausgelassenes Kindergekreische, Hundegebell, Geschirrgeklapper, gegen den Geruch frisch gemähten Grases, das sich mit dem Viertacktergemische des Rasenmähers vermengte. Wann hatte das nur angefangen, dieser regelrechte Ekel vor menschlicher Nähe.

Sie seufzte und schaute in den Himmel hinauf, keine noch so winzige Wolke
kein noch so unscheinbarer Windhauch, nur strahlendes Himmelblau, eine
riesige gleißende Sonne und die erdrückende Hitze. Kaiserwetter hatte man
früher gesagt, dachte sie, heute denkt man ehr an Klimakatastrophe.
Ihr Nachbar von links hatte sie entdeckt, ruckartig drehte sie sich um und
trat zurück ins Haus. Mit einem kleinen Schnappen schloss der Riegel die
Tür und die Außenwelt ab.

Ihr Arbeitszimmer war noch immer kühl. Sie hatte den Bungalow gekauft, weil
er mit seinen dicken Wänden und den niedrigen Fenstern wie ein panic room
oder ein Bunker wirkte. Kein Geräusch drang hinein oder hinaus.
Sie atmete langsam und tief durch, dann streckte sie den Rücken durch, hob
das Kinn einige Millimeter an und genoss die Spannung, die automatisch
durch ihren Körper floss. Mit einer energischen Bewegung strich sie sich
die Harre zurück, so als könne sie gleichzeitig alle dunklen Gedanken
hinwegfegen. Sie rief sich zur Ordnung, gerade jetzt musste sie sich
zusammenreißen. Sie musste sich sammeln, und einen Plan fassen.
Wieder begann das Mobile zu klingeln. DJ Ötzi trällerte aufdringlich und
albern „Ein Stern, der deinen Namen trägt“ in die dumpfe Stille.

Das Blut wich aus Ihrem Kopf und sie dachte einen Augenblick, es würde
ihren Körper verlassen. Aber sie hatte ja kein Loch im Kopf, wie der
Leichnam ihres Vaters, der vor ihr auf dem Teppich in einem kleinen See aus
Blut lag. Das Klingeln drang aus dem Inneren seines Sakkos und schien nie
mehr aufhören zu wollen.

Fortsetzung folgt…

Was war geschehen? Was sucht die Leiche Ihres Vaters in ihrem Wohnzimmer? Hat sie ihn erschossen? Wie geht es weiter? Wer hat eine Idee?

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Jun 16 2009

Hyazinth, der Alte. Tränen.

penelope araña de la selva

Hier und dort fallen Tränen hin,
Die Worte lassen auf sich warten,
Auf der Straße spielt ein Kind mit einer toten Maus,
Wolken verhängen den Tag bereits am Morgen.

Was soll‘s? Wer‘s mag.

Der Hosenbund am Nabel reibt,
Wie mancher Gedanke an der Stirninnenseite,
Ich hätte gerne einige Gewissheiten.
Auch die Weisheiten haben es nicht eilig.

Was soll‘s? Wer‘s trägt.

Enzianfarbene Neider lungern an allen Ecken,
Ich möchte etwas über meinen Vater sagen.
Andererseits reicht der Himmel niemals aus
Wo fängt die Lüge an, warum hört sie niemals auf?

Was soll’s ? Wer’s versteht.

Eine Strophe später fällt mir etwas ein:

Mein Vater duftet nach sterbenden Hyazinthen,
Kein Wollfaden zieht sich durchs Leben,
Es täte gut, wär es so gewesen.

Was soll’s? Wer`s glaubt.

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